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Defamation

Samstag, 23. Mai, 19:00

In sei­nem preis­ge­krön­ten Doku­men­tar­film forscht der isrea­li­sche Fil­me­ma­cher Yoav Shamir (»Check­point«; »Flip­ping Out«) dem Phä­no­men des Anti­se­mi­tis­mus nach

»Nazi, Holo­caust, Anti­se­mi­tis­mus«, das sind laut Yoav Shamir drei Wor­te, mit denen er in den israe­li­schen Medi­en Tag für Tag kon­fron­tiert wird. Da er jedoch als Jude in Isra­el noch nie per­sön­lich mit Juden­feind­lich­keit kon­fron­tiert wur­de, begab Shamir sich für sei­nen Film Defa­ma­ti­on auf eine Rei­se in die USA und nach Euro­pa, um her­aus­zu­fin­den, was es mit dem in sei­ner Hei­mat so oft the­ma­ti­sier­ten Phä­no­men des welt­wei­ten Anti­se­mi­tis­mus auf sich hat.

Shamir beglei­tet Abra­ham Fox­man, den Vor­sit­zen­den der ein­fluss­rei­chen ame­ri­ka­ni­schen Anti Defa­ma­ti­on League (ADL), bei des­sen Trips zu diver­sen euro­päi­schen Regie­rungs­chefs; er reist mit einer israe­li­schen Schul­klas­se zu KZ-Gedenk­stät­ten in Polen; und er inter­viewt Wis­sen­schaft­ler, Rab­bi­ner und jüdi­sche »Nor­mal­bür­ger« in Ame­ri­ka und Russ­land zu ihrer Ein­schät­zung des moder­nen Anti­se­mi­tis­mus und dem Umgang mit der Erin­ne­rung an den Holocaust.

Wer dach­te, dass Juden jen­seits aller poli­ti­schen Dif­fe­ren­zen und reli­giö­sen Schat­tie­run­gen zumin­dest in der Ein­schät­zung der Gefah­ren des Anti­se­mi­tis­mus weit­ge­hend einer Mei­nung wären, der wird in »Defa­ma­ti­on« eines Bes­se­ren belehrt. Das Spek­trum reicht bei den Befrag­ten von der Behaup­tung eini­ger Mos­kau­er Juden, es gebe prak­tisch kei­nen Anti­se­mi­tis­mus mehr, obwohl ihre Syn­ago­ge erst kurz zuvor von einem Angrei­fer heim­ge­sucht wur­de, bis hin zur Sta­tis­tik der ADL, die allein in den USA 1500 anti­sem­ti­ti­sche Vor­fäl­le pro Jahr regis­triert – deren New Yor­ker Zen­tra­le aber para­do­xer­wei­se nicht in der Lage ist, Shamir auch nur einen ein­zi­gen Fall zu nen­nen, den er exem­pla­risch in sei­nem Film prä­sen­tie­ren könnte.

Wie dra­ma­tisch die Bedro­hung durch Anti­se­mi­tis­mus gese­hen wird, scheint in direk­tem Zusam­men­hang mit der poli­ti­schen Hal­tung oder der Reli­gio­si­tät der Befrag­ten zu ste­hen: Je reli­giö­ser oder je »lin­ker« Shamirs Gesprächs­part­ner, des­to weni­ger schei­nen sie Anti­se­mi­tis­mus als rea­le Gefahr zu emp­fin­den. »Ich habe Gott, ich brau­che kei­ne Anti­se­mi­ten«, sagt ein Mos­kau­er Rab­bi­ner, ein pro­vo­ka­ti­ver Gedan­ke, der gleich­wohl von zwei älte­ren, säku­lar leben­den ADL-Mit­glie­dern bestä­tigt wird, für die der Kampf gegen den Anti­se­mi­tis­mus nach eige­ner Aus­sa­ge eine iden­ti­täts­stif­ten­de Funk­ti­on hat. Auf der ande­ren Sei­te erklärt der Frie­dens­ak­ti­vist Uri Avnery, einst ein radi­ka­ler Zio­nist, Anti­se­mi­tis­mus in Ame­ri­ka kur­zer­hand für nicht­exis­tent. Ähn­lich sieht das auch der umstrit­te­ne Wis­sen­schaft­ler Nor­man Fin­kel­stein (»Die Holo­caust-Indus­trie«), der im Film als eine Art Gegen­pol zu Abra­ham Fox­man prä­sen­tiert wird. Fin­kel­stein wit­tert sei­ner­seits eine Ver­schwö­rung der kon­ser­va­ti­ven ame­ri­ka­ni­schen Juden, allen vor­an Fox­man, die die Isra­el­kri­ti­ker als Anti­se­mi­ten dif­fa­mie­ren und die Erin­ne­rung an den Holo­caust scham­los aus­nut­zen wür­den, um den Frie­dens­pro­zess im Nahen Osten zu torpedieren.

Wenn­gleich Yoav Shamir eher dem »lin­ken« poli­ti­schen Spek­trum zuzu­ord­nen ist, liegt die Stär­ke sei­nes Films dar­in, dass er allen Sei­ten mit einer betont nai­ven Unvor­ein­ge­nom­men­heit begeg­net. Er zeigt Ver­ständ­nis und Respekt für das Enga­ge­ment des Holo­caust-Über­le­ben­den Fox­man, blen­det des­sen selbst­ge­fäl­li­ge Macht­spie­le jedoch eben­so wenig aus wie die abstru­sen Äuße­run­gen des offen­sicht­lich schwer ver­bit­ter­ten Fin­kel­stein oder den frie­dens­be­wegt-nai­ven Tun­nel­blick von Uri Avnery. Es gibt, so eine Erkennt­nis des Films, kein »rich­tig« und kein »falsch« in die­sen Fra­gen – aber viel zu vie­le radi­ka­le, unver­söhn­li­che Posi­tio­nen auf bei­den Seiten.

Ange­sichts sei­ner jun­gen Lands­leu­te, der israe­li­schen Schü­ler, die von klein­auf einer erschre­cken­den Indok­tri­na­ti­on als ewig und über­all ver­hass­te Opfer aus­ge­setzt sind, stellt Shamir sich am Ende jedoch eben­falls die Fra­ge, ob der aktu­el­le Umgang mit der Holo­caust-Erin­ne­rung und dem Phä­no­men des Anti­se­mi­tis­mus mög­li­cher­wei­se einer Lösung des Nah­ost­kon­flikts im Weg steht. »Viel­leicht macht uns unse­re Ver­gan­gen­heit gleich­gül­tig gegen­über dem Leid der Paläs­ti­nen­ser«, sagt eine der Schü­le­rin­nen auf der Polen­rei­se nach­denk­lich, »weil wir den­ken, dass uns selbst damals ja noch viel Schlim­me­res wie­der­fah­ren ist.« Shamir ist klug genug, kei­ne wohl­fei­len Ant­wor­ten auf sol­che Fra­gen zu ver­su­chen. Sein Film ist ein Denk­an­stoß, und das ist ange­sichts der aktu­el­len Situa­ti­on in Isra­el und Paläs­ti­na schon eine gan­ze Men­ge. (Text: Evan­ge­li­scher Pressedienst)

Cre­dits:

Israel/Osterreich/USA/Danemark 2009 Ori­gi­nal-Titel: HASHMATSA
Deutsch, tlw mit Untertiteln
Film­start in Deutsch­land: 26.08.2010 R: Yoav Shamir
B: Yoav Shamir
P: Karo­li­ne Leth, San­dra Itkoff, Phil­ip­pa Kowars­ky, Knut Ogris
K: Kon­rad Edelbacher
Sch: Mor­ten Hajbjerg
M: Mischa Krausz
L: 93 Min FSK: Ohne Angabe

Details

Datum:
Samstag, 23. Mai
Zeit:
19:00

Veranstalter

  • Kino in der Neustadt
  • E-Mail kontakt@kino-in-der-neustadt.de

Veranstaltungsort

  • Theatersaal des Gemeindezentrum Zion (Eingang Kantstraße)

  • Kornstraße 31,
    28201 Bremen
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